by doug88888
Bei der Beschäftigung mit den Ursprüngen des Menschen stößt man unweigerlich auf den Begriff der Kultur, denn durch den Besitz von Kultur scheint sich der Mensch als kulturschaffendes Lebewesen vom Tier zu unterscheiden. Entweder wird der Begriff ohne eine nähere Erläuterung seiner eigentlichen Bedeutung verwendet oder es findet sich eine mehr oder weniger ausführliche Definition des Begriffs. Doch gerade dadurch, dass der Begriff in manchen Fällen kurz umschrieben wird, stellt man fest, dass es eigentlich gar keine einheitliche Definition gibt. Das diagnostische Merkmal, welches für die Zuschreibung von Kultur verantwortlich ist, variiert von Autor zu Autor.
Die intuitiv empfundene Tatsache, dass der moderne Mensch über Kultur verfügt, sog. primitive Säugetiere oder Lebewesen, die eine noch frühere Stufe in der Evolution repräsentieren, jedoch nicht, verlangt nach einer Schwelle des Übergangs. Es muss also irgendwo in der Evolution des Menschen einen Zeitpunkt gegeben haben, bei dem der Mensch zum kulturschaffenden Lebewesen wurde. Insofern müsste sich auch mindestens ein Merkmal benennen lassen, welches den Unterschied zwischen kulturlosen Lebewesen und kulturschaffenden Lebewesen ausmacht.
Tatsächlich benennen, wie bereits erwähnt, verschiedene Autoren dieses Merkmal auch. Doch ohne mich bisher intensiver mit diesem Thema befasst zu haben, sind mir schon eine Reihe verschiedener Herangehensweisen bekannt, welche ich kurz beschreiben möchte:
Zunächst scheint der Gebrauch von Werkzeugen ein populärer Kandidat zu sein. Bei näherem Hinsehen wirft dieser Ansatz jedoch viele Fragen auf. Was ist überhaupt ein Werkzeug? Und was ist ein Gerät? Was ist ein Artefakt? Gibt es Werkzeuge und Geräte, die keine Artefakte sind? Ist ein Stein, der aufgesammelt wird, um eine Nuss zu knacken, ein Werkzeug, ein Gerät, ein Artefakt oder bloß ein Gegenstand? Reicht es also einen Gegenstand einfach zu benutzen, um ein Werkzeug zu gebrauchen oder muss der Gegenstand modifiziert werden? Und falls Letzteres der Fall ist, ist ein von Blättern befreites Stöckchen dann auch bereits ein Werkzeug? Ist Kultur schaffend (sic!) vielleicht nur dasjenige Lebewesen, welches ein Artefakt benutzt, welches zunächst mit einem weiteren Gegenstand intentionell hergestellt wurde? Die Schwierigkeit ist offensichtlich: Eine weitreichende Definition schließt eine Vielzahl von verschiedenen Tieren ein und es gibt plötzlich mehrere kulturschaffende Arten auf der Erde. Eine zu enge Definition schließt hingegen womöglich die Primaten aus, was unter Umständen auch nicht gewollt ist. Unabhängig davon wofür man sich hier entscheidet, wird klar, dass die Grenzziehung willkürlich ist (siehe auch unten).
Darüber hinaus gibt es den Ansatz, dass kulturelles Verhalten nur solches Verhalten ist, welches durch Imitation oder gar Lehren/Lernen an den Nachwuchs vermittelt wird („behaviour is cultural only if it is learned through imitation or teaching“¹). Obwohl die Weitergabe von Kultur auch beim Menschen eben nicht genetisch erfolgt, sondern durch Sozialisation, erscheint mir dieses Kriterium höchstens als notwendig, jedoch nicht als hinreichend für kulturelles Verhalten. Ich gehe davon aus, dass sich aus dem Tierreich Beispiele dafür finden ließen, dass eine solche Weitergabe nicht nur bei bestimmten Primaten und dem Menschen existiert, was den Kreis der kulturschaffenden Lebewesen dann wieder stark vergrößern würde.
Christophe Boesch betont in einem seiner Artikel außerdem den Ansatz, dass unterschiedliche Verhaltensweisen von Populationen, die sonst unter ökologisch und genetisch gleichen Bedingungen leben, auf kulturelle Traditionen hinweisen („In this approach, a behaviour is considered as cultural only if differences in its distribution between populations are independent of any environmental or genetic factors“¹). Die von ihm untersuchte Schimpansenpopulation knackt Nüsse unter der Verwendung von Steinen, wohingegen nur wenige Kilometer entfernt unter denselben Bedingungen andere Schimpansenpopulationen dieses Verhalten nicht zeigen. Auch hier stellt sich mir die Frage, ob es auf eine bestimmte Rahmensituation immer nur eine Anpassung geben muss. Gibt es innerhalb einer solchen Situation nicht mitunter verschiedene Möglichkeiten, um sich anzupassen? Und dies sollte doch eigentlich für jede Stufe der Evolution zählen. Auch hier sehe ich die Gefahr, dass durch eine solche Bestimmung eine Vielzahl von kulturschaffenden Lebewesen definiert wird.
Angesichts dieser Vielzahl von Ansätzen bereits nach einer nur oberflächlichen Beschäftigung mit der Thematik drängt sich die Vermutung auf, dass es die Master-Definition von Kultur für den paläoanthropologischen Kontext nicht gibt. Kann es eine solche überhaupt geben? Es scheint als wäre die Zuschreibung von Kultur mehr als willkürlich, was auch nicht verwundert, denn welches Verhalten, welche Eigenschaft ist in diesem paläoanthropologischen Kontext von sich aus „Kultur“, d.h. ohne dass wir es ihm bzw. ihr erst zuschreiben? In späteren Zeiten finden sich Dinge wie Kunst oder Vernunft, welche als Unterscheidungskriterium bemüht werden, doch versagen diese Kriterien die Schwelle zwischen kulturschaffend und kulturlos im Prozess der Menschwerdung festlegen zu können. Die postulierten Vorschläge, von denen oben einige erwähnt wurden, sind also wohl nur als Arbeitshypothesen für die jeweiligen Untersuchungen zu verstehen. Eine wirkliche Antwort auf die Frage, was genau denn nun Kultur ist, gibt es derzeit nicht und es drängt sich der höchst kontraintuitive Verdacht auf, dass es eine solche Antwort vielleicht gar nicht gibt.
Gibt es also überhaupt so etwas wie Kultur? Vielleicht ist es die anthropozentrische Anmaßung des Menschen sich aufgrund bestimmter vermeintlicher Eigenheiten als einzigartig betrachten zu wollen, die sich aber begrifflich nicht festmachen lassen. Oder aber Kultur ist eine graduelle Eigenschaft, was verhindert, dass sich ein diagnostisches Merkmal bestimmten lässt. Dann ließe sich Kultur beispielsweise am Grad der kognitiven Leistungsfähigkeit bestimmen. Vielleicht ist es wie mit der eng verwandten Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier, deren Antwort oft die ist, dass es einen solchen Unterschied nicht gibt und er nur konstruiert ist.
Schließlich scheint diese Frage dann aber doch eher eine philosophische zu sein, was sie zwar nicht weniger interessant oder notwendig werden lässt, was jedoch nahe legt, dass unsichere Begriffe wie Kultur bei einer Wissenschaft wie der Paläoanthropologie oder Pleistozänen Archäologie vermieden werden sollten. Begrifflich nicht exakt bestimmte Begriffe sollten nämlich grundsätzlich aus wissenschaftlichen Diskursen verschwinden und vielmehr durch neue Begriffe ersetzt werden, welche die notwendigen Exaktheit aufweisen.
Man möge beachten, dass diese kurzen Überlegungen das Ergebnis einer nur ebenfalls sehr kurzen Beschäftigung mit der Thematik sind, welche sicher schon oft und in ausführlicherer Weise diskutiert wurde. Darauf möge bei der Bewertung Rücksicht genommen werden. Inhaltliche Ergänzungen sind in diesem Sinne daher auch noch mehr als sonst erwünscht.
¹ Chr. Boesch/P. Marchesi/N. Marchesi/B. Fruth/F. Joulian, Is nut cracking in wild chimpanzees a cultural behaviour? Journal of Human Evolution 26, 1994, 325 – 338.; Vgl. auch Chr. Boesch, Aspects of transmission of tool-use in wild chimpanzees. In: K. R. Gibson/T. Ingold (Hrsg.), Tools, Language and Cognition in Human Evolution (Cambridge 1993) 171 – 183.

1 Comment
Einen schönen allgemeinverständlichen Überblick über das Thema anatomische und kulturelle Evolution, präsentiert von führenden Forschern der Paläoanthropologie und Archäologie, gibt das Video einer Studium Generale Vorlesung an der Universität Tübingen aus dem Jahre 2007: Biokulturelle Evolution beim Tübinger Internet MultiMedia Server
One Trackback
[...] Ein Kommentar zu einem Beitrag bei The falling eland [...]