Ein Freund riet mir eine Reise zu unternehmen. Warum auch nicht? Schließlich ist die Welt zu groß, um sie auch nur in Ansätzen während eines ganzen Lebens hinreichend zu entdecken und zu erleben. Wieso also nicht sogleich damit beginnen und das Vertraute hinter sich lassen? Zugegeben, das Vertraute hat seinen Reiz, es verleiht Sicherheit und schützt vor unschönen Überraschungen. Doch mit dieser Geisteshaltung, so schien es mir, entdeckt man nicht die großartigen Zugaben und atemberaubenden Fortsetzungen, die das Hier und Jetzt bietet. So entschied ich mich, dem Rat zu folgen und auf Reisen zu gehen. In Anbetracht der vielen Wege und Möglichkeiten schien es mir das beste, wenn ich nicht zu sehr über das Ziel nachdenke. Ich beschloss also zunächst, mich auf das Packen meines Koffers zu konzentrieren.
Die übliche Dinge, das sind Socken, Unterhosen, Shirts, Hemden, Hosen, Pullover. Dazu eine Jacke, eine Regenjacke und einige dicke Wollsocken meiner Oma. Außerdem zwei paar Schuhe. Dazu ein Handtuch, eine Zahnbürste, Zahnpasta, einen Kamm, ein Stück Seife, eine Pinzette und ähnliche Kleinigkeiten. Zusätzlich einen Rasierer, einen Strohhut, eine Umhängetasche und Dinge wie Papier, Stifte und ein GPS-Gerät (man weiß ja nie). Auf ein Handy verzichtete ich allerdings bewusst. Schließlich eine Kamera für Reisefotos und meinen Ausweis sowie eine Vielzahl weiterer kleiner Dinge und Objekte, die man spontan einsteckt ohne in dem Moment über den Zweck und den Nutzen nachzudenken. Allzu oft erweisen sich aber gerade diese Dinge in manchen Situationen als besonders wichtig. Am vorletzten Tag meiner Reisevorbereitungen besuchte ich noch eine Reihe von Freunden und verabschiedete mich mit einer Umarmung, immer mit dem Versprechen, von meinen Erlebnissen und meinem Befinden zu berichten. Am Tag danach brach ich auf.
Der Tag meiner Abreise war einer derjenigen Tage, an denen die Sonne nie wirklich aufgeht. Natürlich geht sie auf, doch bleibt eine dicke Schicht von Nebel und Wolken immer zwischen unseren Augen und dem Leben spendenden Zentralgestirn. Dieser Tag war nicht nur dunkel, sondern auch kalt, denn es lagen noch Reste von Schnee, die allerdings bereits im Tauen begriffen waren. Überhaupt, der ganze Tag war nicht nur dunkel und kalt, er war die pure Monotonie. Auch die Farben der Welt schwankten lediglich zwischen Schwarz, Grau und einem leichten Schimmer von Blau hin und her. Alles in allem ein trostloser Tag und keiner, der Zuversicht zu vermitteln versprach. Auf der anderen Seite umarmte mich dieser ganz spezielle Tag auf seine Art und Weise und beim Durchschreiten dieser farblosen Trübe – ich hatte mich dazu entschlossen, den ersten Abschnitt meiner Reise zu Fuß zu unternehmen, denn dadurch ließ sich der Aufbruch von zuhause noch dramatischer gestalten und was macht mehr her als das Spaziern der Straße entlang gen Horizont mit einem Koffer in der Hand? – fühlte ich die Welt ganz nah an meinem Körper und an meiner Seele. Eigentlich war ich schon da, in der Welt, die ich nach wie vor zu bereisen gedenke. So ging ich denn etliche Kilometer, vorbei an schwarzen Bäumen, grauen Asphaltstraßen und grau-blauen Flüssen.
Mein erstes Ziel habe ich für heute erreicht. Mit kalten und durch die Feuchtigkeit aufgequollenen Füßen sitze ich hier in diesem Gasthaus vor dem warmen aber durch die moderne Einfassung in Metall und Stein nicht allzu romantischen Holzfeuer und warte auf mein Essen, das ich mir bestellt habe. Ein heißer Pfefferminztee zum Aufwärmen meiner Glieder steht bereits vor mir auf dem Tisch. Später werde ich aber das Bier, das nach Auskunft der Wirtin nur wenige Straßenecken von hier gebraut wird, probieren und mich dann erschöpft in mein Bett begeben. Das erste fremde Bett auf meiner Reise. Morgen sehen wir dann, in welche Richtung die Reise weiter führt. Ich habe da auch schon einige Ideen.
